Stressfreie Gesprächskultur – der Redestab

Ein Streit bricht aus – Stress pur!

Neulich saß ich mit Freunden zusammen. Es war eine gemütliche Runde, bis, ja bis mit einem Mal ein Thema auf den Tisch kam, das die Gemüter hochkochen ließ. Manchmal passiert so etwas, ungewollt, ungeplant, unbeabsichtigt.

Es wurde lauter und lauter am Tisch, Redebeiträge flogen hin und her. Nicht gerade angenehm, denn es wurde auch sehr persönlich, was eigentlich mit der Sache an sich gar nichts zu tun hatte. Sicherlich kennst du solche Situationen?!

Mich setzte diese Art der Auseinandersetzung sehr unter Stress, obwohl ich gar nicht der Hauptakteur war. Auch die anderen ließ es sichtlich nicht kalt. Mir fällt es als HSP  zusätzlich noch schwer, so einen brodelnden Emotions-Kessel auszuhalten. Außerdem komme ich in solchen Runden fast nicht zu Wort, weil ich selber nicht so heftig werden will.

Später am Abend

einigten wir uns, den Streit zu beenden, um friedlich auseinandergehen zu können. Was ja gut ist. Ich war jedoch völlig erschöpft, verspannt und am Ende meiner Kräfte. Zudem hatte ich das Gefühl, dass es überhaupt kein Ergebnis gegeben hatte. Es war ein Schlagabtausch, jede Seite hatte ausgespuckt, was sie für wichtig hielt (und noch mehr), aber wir kamen nicht wirklich auf den Punkt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich selber gar nicht sagen konnte, was ich dachte und fühlte. Ich kam in der hitzigen Diskussion einfach nicht dazu. Beides hinterließ einen schalen Nachgeschmack bei mir.Am nächsten Tag kaute ich weiter auf dem Streit herum. Wie hätte das Ganze besser laufen können? Befriedigender für alle? Und dann plötzlich fiel mir ein, was ich in vielen Seminaren und anderen Gesprächsrunden selbst schon praktiziert hatte: der Redestab.

Der Redestab – was ist das denn?

Den Redestab gibt es seit tausenden von Jahren in alten, vor allem indianischen Kulturen. Es gibt ein paar einfache aber sehr effektive Regeln, die zu einer klaren, offenen und respektvollen Kommunikation zwischen den Beteiligten führen.

  • Der Redestab geht reihum.
  • Wer ihn in der Hand hält, darf sprechen, und zwar die eigene Wahrheit (sog. Ich-Botschaft), mit offenem Herzen und  mit Respekt.
  • Es wird gesagt, was wesentlich ist, was zur Sache gehört, was für das Thema und die Gruppe gerade wichtig ist.
  • Alle anderen hören zu, in voller Aufmerksamkeit, wertschätzend, ohne zu unterbrechen, ohne Beurteilung oder Analyse, und ohne Ratschläge zu geben.
  • Jeder in der Runde kommt dran. Der Stab kreist so lange, bis alles gesagt ist.
  • Später kann, wenn gewollt, diskutiert werden. Oft ist dies aber gar nicht mehr nötig.

Was bringt das?

Ein Gespräch zu einem bestimmten Thema mit einem Redestab zu begleiten, hat mehrere Vorteile.

  • Diese Form der Gesprächsrunde ist deutlich stressfreier für alle, als die oben geschilderte Situation.
  • Jeder kommt an die Reihe.
  • Jeder bekommt die Zeit, die er braucht, zum Reden und auch zum Nachdenken.
  • Jeder wird angehört. Auch die eher Schüchternen und Stillen , die sonst oft nicht gehört werden, kommen dran.
  • Niemand muss aus lauter Angst, nicht gehört zu werden, das Gespräch an sich reißen und die anderen in Grund und Boden reden.
  • Da mehr Ruhe entsteht, haben auch Dinge Raum, die einem sonst vielleicht gar nicht eingefallen wären. Andere Blickwinkel können sich auftun.

Gerade in Runden, in denen es sonst schnell um Rechthaben, Überzeugen und um Sich-Verteidigen geht, in denen es persönlich bis hin zu verletzend werden kann, bietet sich solch ein Rederitual an. Und zwar sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext. Es ist gar nicht immer so einfach, andere diszipliniert ausreden zu lassen, aber es lohnt sich. Für ein entspannteres, stressfreies, wertschätzendes und respektvolles Miteinander.

Übrigens muss man natürlich keinen Stab oder Stock als Symbol für „wer dran ist“ nehmen. Genauso gibt es Redesteine, Redeknochen und andere Gegenstände. An dem Abend mit meinen Freunden hätte es zum Beispiel auch ein Redelöffel, ein Redestift oder ein Redesalzstreuer sein können 🙂 . Was halt gerade so rumlag. Ich bin gespannt, ob ich in einer nächsten ähnlichen Situation schneller darauf komme, zu einem Gegenstand zu greifen und um eine andere Form der Kommunikation zu bitten!

Hast du auch schon Erfahrungen mit solchen Rederunden gemacht? Erzähl mir doch davon im Kommentarfeld!

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